USA – Südstaaten 1

Plantagen mit schönen Blumen und Gärten. Küsten, Seen und Flüsse mit tropischen Tieren. Ein Raketenstart und unendliche Eindrücke über die Raumfahrt

25. November – 29. Dezember 2019

Southern Hospitality

Heute steht Charleston auf dem Programm, unsere erste echte Südstaatenschönheit. Auf dem Weg zur Waterfront kommen wir am Marion Square vorbei. So cool, mein eigener Platz! Wir schlendern die King Street entlang, entdecken den Charleston City Market an dem von Hüten, Süssigkeiten, Kleidern über für South Carolina typischen Sweetgrass Baskets alles feil geboten wird. Auch kosten wir unseren ersten echten iced tea (also gekühlten Tee), der so gar nichts mit unserem Eistee zu tun hat. Die Südstaatler mögen ihn extrem süss.

An der Battery Street stehen die wunderschönen alten Stadthäuser der Antebellum Zeit (Ära vor dem Sezessionskrieg 1861-1865), für die Charleston berühmt ist. Überhaupt besitzt die Stadt aufgrund ihrer Architektur einen sehr eigenen Charme. Von so viel Herumlaufen wird man hungrig und wir suchen uns ein Restaurant zum Abendessen. Die Suche gestaltet sich bei dem grossen Angebot nicht ganz einfach. Wir vertrauen auf die Empfehlung eines Herrn, der selbst eine Reservation für das Restaurant hat. Das Essen war sehr gut. Gerade, als wir mit dem Essen fertig waren, verabschiedet sich der Mann kurz bei Fabian und geht. Wir bestellen Dessert und die Bedienung erklärt uns, dass der Mann unsere gesamte Rechnung übernommen hat und wir nur noch den Dessert bezahlen müssen. Das haut uns fast vom Hocker! Er hat uns einfach so eingeladen! Wow… Es gibt sie tatsächlich, die viel gerühmte southern hospitality.

Wir übernachten auf einem Walmart Parkplatz in der Nähe von Charleston. Unser Nachbar hat ein etwas älteres Exemplar an Fahrzeug, das er lustig angemalt und mit Bibelzitaten verziert hat. Nachdem wir eine Weile miteinander über seine Reisen und Begegnungen mit Jesus geredet haben, fragt er uns, ob er für uns ein Lied singen darf, das er gerade gedichtet hat. Danach lässt er uns weiterziehen. 

Da wir in den Südstaaten sind, möchte ich unbedingt eine oder zwei Plantagen anschauen. Am Liebsten jene, auf denen Filme gedreht wurden. Oder wenigstens eine, mit einer riesigen Allee aus den alten Virginia-Eichen, an denen Spanisches Moos wie Bärte hängt. Leider kosten die Plantagen ziemlich viel Eintritt und wir entscheiden uns für die Drayton Hall Plantation. Sie ist im palladianischen Baustil gehalten und das älteste erhaltene Plantagenhaus in den USA, das der Öffentlichkeit zugänglich ist. Es hat zwar keine Eichenallee, dennoch ist das Anwesen recht schön, mit einem Fluss, einem kleinen Teich und einzelnen alten Eichen mit Spanischem Moos behangen. Im Eintritt ist auch eine Führung durch das Haus inbegriffen, wo wir Interessantes über die Gründerfamilie erfahren. Leider wird die Tatsache der Sklaverei verschwiegen und es werden praktisch keine Informationen zu den auf dem Anwesen oder den Feldern beschäftigen Sklaven oder deren Leben auf der Plantage gegeben. Schade, hier hat wohl noch keine Vergangenheitsbewältigung stattgefunden.

Savannah 

Obwohl morgen bereits der erste Advent ist, herrschen herrlich angenehme Temperaturen und die Sonne scheint. Heute steht die zweite Südstaatenschönheit auf dem Programm. Savannah ist die älteste Stadt in Georgia und ist von General James Oglethorpe im Auftrag der britischen Krone gegründet worden und komplett auf dem Reissbrett entstanden. Der alte Stadtteil ist gitterförmig um 24 Plätze (Squares) angelegt, kleine grüne Oasen in der Stadt, die von schönen Häusern im Antebellum Stil umgeben sind. Ursprünglich hatten diese Squares jedoch eher einen praktischen Nutzen, denn sie dienten der Bürgerwehr zu Übungszwecken.

Wir entdecken zu Fuss die am Flussufer gelegene River Street, an der die meisten Restaurants und Souvenirläden angesiedelt sind. Es gibt vieles zu entdecken und noch mehr zu kaufen! Wir belassen es bei etwas Süssem aus einem der zahlreichen Süssigkeitenläden. Der Baumwollhandel bescherte der Stadt im frühen 19. Jahrhundert erheblichen Reichtum. Die alte Baumwollbörse, ein wunderschönes Gebäude im romanischen Baustil, steht heute noch an dieser Strasse. Per Kutsche machen wir eine Stadtrundfahrt und zuckeln gemütlich durch die Stadt, vorbei an historischen Gebäuden, einigen Squares und lernen auch ein bisschen etwas über Savannah‘s Geschichte. Zum Beispiel steht ein ganzes Gebäude oder Teile einer Hauptstrasse auf einem ehemaligen Friedhof. Es wurden nur die Grabsteine entfernt, nicht aber die Gräber…! Savannah wird nicht umsonst Amerikas grösste Geisterstadt genannt. 

Wir sind uns einig, dass Savannah eine sehr schöne Stadt ist, lieblicher und mit mehr Flair (oder dem gewissen Etwas oder mehr Gelassenheit, es ist schwierig zu beschreiben) als Charleston. Es lohnt sich dennoch, beide Städte zu besuchen, um den Vergleich zu haben.

Sunshine State

Endlich… Sommer, Sonne, Sonnenschein! Zum Glück herrschen im Dezember angenehmere Temperaturen in Florida als im Sommer und so fahren wir bei wunderbarem Wetter in den Sunshine State. Unser Ziel ist es, bis Mitte Monat auf dem Highway A1A nach Miami zu fahren, wo wir Fabian’s Familie treffen werden. Der Highway A1A ist eine 530 km lange Panomramastrasse entlang Floridas Ostküste. Entlang dieser Strasse gibt es wahnsinnig viel zu entdecken.

Uns sagen die Leute, dass das nördliche Florida noch das echte, naturbelassene Florida ist. Die Baudichte ist auch nicht ganz so hoch wie im Süden. Ein absolutes Juwel ist der Canaveral National Seashore, wahrlich ein Stück ursprüngliches Florida. Das Gebiet steht unter strengem Naturschutz und ein Teil davon gehört zum Sicherheitsgebiet des Kennedy Space Center. Wir sehen mangrovenbewachsene Buchten, unberührte Strände, tiefblaues Wasser und jede Menge Tiere. Am witzigsten sind die Armadillos (Gürteltiere). Auf einem Rundweg, dem Black Point Wildlife Drive, können wir neben Wasservögeln und Alligatoren auch die seltenen Schildkröten beobachten. In der Ferne sehen wir sogar eine Abschussrampe vom Kennedy Space Center. Der Sonnenuntergang im Canaveral National Seashore ist umwerfend.

Manatees (Rundschwanzseekühe) sind um diese Jahreszeit eher nicht im Canaveral National Seashore Gebiet zu finden, weil das Wasser zu kalt ist, sondern im Blue Springs State Park etwas landeinwärts. Manatees brauchen eine Wassertemperatur von mindestens 18.8 Grad (66 Fahrenheit) um zu überleben, da sie keinen Speckmantel (Blubber) haben, der sie warm hält. Das Wasser im State Park ist glasklar und wir können einige der knuddeligen Tiere beobachten. 

Nicht entgehen lassen sollte man sich die die Kingsley Plantation auf Fort George Island, noch ganz im Norden Florida’s. Die ehemalige Plantage wird vom Nationalparkservice betrieben und ist idyllisch an einem Fluss gelegen. Sehr interessant ist, dass nicht nur über das Leben der Plantagenbesitzer sondern auch über das Leben der Sklaven und der Form der Sklaverei unter spanischer und amerikanischer Kolonialherrschaft Florida’s erzählt wird. Möchte man neben geschichtlichen Hintergründen zur Plantage auch „Erzählungen“ aus dem harten Sklavenalltag erfahren, ist die Besichtigung der Kingsley Plantation absolut empfehlenswert.

Ist man gerade in der Gegend, sollte man auf jeden Fall St. Augustine besuchen. Die Stadt wurde 1565 gegründet und ist die älteste durchgehend besiedelte von Europäern gegründete Stadt Festlandamerikas. Obwohl die Stadt für amerikanische Verhältnisse geradezu ein Methusalem ist, darf man jetzt aber nicht ein Altstädtchen à la Italien erwarten. Die Altstadthäuser sehen eher aus, als ob sie erst vor wenigen Jahren erbaut worden wären, alles sehr farbig und für uns Europäer typisch amerikanisch. Dennoch sind einige dieser Häuser tatsächlich über dreihundert Jahre alt! Es finden sich in St. Augustine auch einige imposante Bauten, wie z.B. das Flagler College (heute eine Universität) und die Zitadelle Castillo de San Marcos. Schön zur Vorweihnachtszeit sind die Nights of Lights (Nächte der Lichter), anlässlich derer der ganze Ort in einem Lichtermeer erstrahlt. Das gibt einige schöne Fotos. 

Seit 1902 werden am Strand von Daytona Beach Autorennen ausgetragen. Hier wurde die NASCAR (der amerikanische Verband für Rennen mit Serienfahrzeugen,  auf englisch „Stock Cars“) gegründet. Im berühmten Daytona International Speedway (Daytona 500 oder das Rolex 24 Stunden Rennen) kann Fabian einige Erinnerungen auffrischen. Wir nehmen an der 90-minütigen Tour teil und sehen den inneren Bereich des Speedway mit den Garagen und dem Medienzentrum. Von der riesigen Tribüne, die derzeit 101’000 Sitzplätze hat (mit der Möglichkeit zum Ausbau auf 125’000 Sitzplätze) können wir das ganze Ausmass der Anlage bestaunen.  Auch ist das Museum inkludiert, wo es einiges an Schönem und Interessantem zu sehen gibt.

Mega cool ist das Navy SEAL Museum in Fort Pierce. Die Idee dahinter ist, der Öffentlichkeit die Anfänge (1943) und Weiterentwicklung der Navy SEALs bis in die Neuzeit zu zeigen sowie die Operationen, in denen die SEALs involviert waren. Das Museum ist super gut gemacht. Sämtliche Ausstellungsstücke mit einer Ausnahme sind echt, das heisst, alles was dort gezeigt wird, wurde in irgendeinem Krieg oder einer militärischen Operation tatsächlich gebraucht oder eingesetzt. Die Ausnahme sind die Landungsboote vom D-Day. Keines davon hat diesen überlebt…

Boondocking

„Boondocking“ kommt von „the boondocks“, das ist eine abgelegene, dünn besiedelte ländliche Gegend. Boondocking heisst nichts anderes, als gratis (und somit nicht auf einem Campingplatz) übernachten, vorzugsweise in einem abgelegenen Gebiet (auf deutsch sagt man einfach „wild campen“. Und nein, der Walmart-Parkplatz zählt nicht als Boondocking, sondern eher als Notlösung. An USA’s Ostküste ist wild campen relativ schwierig. Und dennoch ist und dies auch in Florida einige Male gelungen. Am schönsten ist es natürlich, wenn einem Gleichgesinnte zu sich nach Hause einladen. Wie z.B. eine Parkrangerin, die uns spontan ihren Garten zum Übernachten angeboten hat, nachdem wir sie fragten, ob sie schöne Stellplätze kennt. Oder der nette Herr, der unseren Camper auf dem Parkplatz vom Campingworld angeschaut hat und uns seine Visitenkarte gab, wir sollen uns doch melden, falls wir einen Platz zum boondocken brauchen. Dort konnten wir sogar die Waschmaschine und den Tumbler nutzen. Boondock-Luxus pur! Beim wild campen lernt man auch ziemlich interessante Leute kennen, wie Tiffany aus Texas, die im Park, in dem wir gratis standen, eigentlich skaten wollte und so von unserem Land Rover fasziniert war, dass wir über eine Stunde mit ihr gequatscht haben.

Weihnachten auf den Florida Keys

Fabian’s Familie kommt uns für zwei Wochen besuchen. Wir haben ein Condo in Key Largo gemietet und entdecken zusammen das südliche Florida. Da darf neben Little Havanna in Miami auch South Beach Miami ebensowenig fehlen wie der südlichste Punkt der kontinentalen USA in Key West. Dort nehmen wir einen Snack im Sloppy Joe zu uns.

Wir alle freuen uns auf die Everglades, das Naturhighlight im südlichen Florida. Es gibt unzählige Möglichkeiten, diesen riesigen Park zu erkunden. Wir verzichten bewusst auf eine Ariboattour, da diese zum Einen nicht im Park selbst angeboten werden und zum Anderen so laut sind, dass man die Tiere nur von hinten sieht, wenn sie fliehen. Wir entscheiden uns für eine Führung mit einem Parkranger. Wir lernen einiges über das gefährdete Ökosystem der Everglades. Diese sind kein Sumpf! Es handelt sich um einen extrem langsam fliessenden Fluss. Spannend! Auch erfahren wir, dass nur hier Krokodile und Alligatoren gleichzeitig vorkommen, da hier Salz- und Süsswasser (Brackwasser) zusammenkommen. Diese Tiere sehen wir ebenso wie Vögel und Schildkröten. Es ist ein ganz spezielles Erlebnis, die Everglades zu besuchen. Der Park beeindruckt nicht durch seine immense Landschaft. Es ist eher ein stiller Park, der seine Schönheit und Vielfalt erst auf den zweiten Blick herzeigt.

Raketenstart und Kennedy Space Center

Wer Florida besucht, darf sich auf keinen Fall das Kennedy Space Center entgehen lassen. Es ist neben dem Canaveral National Seashore und den Everglades ein absolutes Muss! Auch für nicht Technikfreaks… Wir haben das Riesenglück, einen Raketenstart beobachten zu können. Ein einmaliges Erlebnis. Cool! Für das Kennedy Space Center selbst nehmen wir uns zwei Tage Zeit. Glaubt mir, diese Zeit ist nicht zu knapp berechnet. Auf einer Bustour über das Gelände sehen wir die riesigen Crawler, mit denen die mobilen Startrampen mit den Raketen drauf zu den jeweiligen Startplätzen gefahren werden. Auch fahren wir an der riesengrossen Assembly Hall vorbei, die zum Teil offen steht. Da drin baut die NASA ihre Raketen zusammen – senkrecht. Ja, das Gebäude ist unvorstellbar gross. Im Apollo Besucherzentrum erfahren wir alles über die Apollo Missionen und können ein echtes Triebwerk einer Apollo Rakete bestaunen. Alleine da drin verbringen wir den ganzen Nachmittag. Die Ausstellungen und Informationen sind spitze und wir lernen eine Menge.

Am zweiten Tag nehmen wir uns Zeit für das Space Shuttle Atlantis, dem ein ganzer Komplex gewidmet ist. Trotz zweier Verluste (Challenger und Endeavour) war es das erfolgreichste Raumfahrtprogramm. Es sind nicht nur die Bauteile für die ISS hochgebracht worden, auch Hubble würde es ohne dieses Programm nicht geben. Nach dem Film fährt die Leinwand hoch und… da hängt sie, die Raumfähre Atlantis. Wow, was für ein schönes Raumschiff! Fabian ist begeistert von seiner neuen Lieblingsmaschine. Interaktiv erfährt man die Details zum Cockpit über die Ladefläche bis hin zu den Triebwerken. Die Ausstellungen sind so spannend gemacht, dass wir nur noch den Rocket Garden (Raketengarten), in dem verschiedene Raketenarten ausgestellt sind, besichtigen mögen.

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